Bevölkerungsprognose
Zuwanderung
Lebenserwartung
Wirtschaft + Steuern
Gesundheit + Pflege

Bedarfsprognose Altenpflege

 
Demografische Entwicklung 
Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und seine Folgen

Teil 5: Bedarfsentwicklung in der Altenpflege von 2010 bis 2060

Entwicklung der Geburtsjahrgänge 1910 bis 2010




Maßgebend für die Nachfrage nach Pflegeplätzen, häuslicher Altenpflege und Wohnangeboten für Senioren wie Betreutes Wohnen, Altenwohnungen und Seniorenresidenzen ist die Anzahl der über Siebzigjährigen, die sich vor allem aus den Geburtenzahlen der Vergangenheit und den Einflüssen des Krieges ergibt. Geringer wenn auch vorhanden ist die Bedeutung von Zuwanderung (Gastarbeiter, Flüchtlinge, Spätaussiedler).


Für den derzeitigen Bedarf (2010) sind die Geburtsjahrgänge von etwa 1910 bis 1940 wichtig. In diesen Zeitraum fallen die extrem geburtenschwachen Jahrgänge des 1. Weltkriegs (1914 –
1918). Bei den Jahrgängen bis 1925 liegt der Anteil der lebenden Männer aufgrund der Gefallenen des 2. Weltkriegs unter dem Durchschnitt. Dieser Effekt entfällt bei den Jahrgängen ab etwa 1925, der Anteil pflegebedürftiger Männer wird also ab jetzt kontinuierlich steigen, ebenso aufgrund der höheren Geburtenzahl der Jahrgänge ab 1920 die Anzahl pflegebedürftiger Menschen insgesamt. Gleichzeitig steigt die Anzahl lebender Paare dieser Jahrgänge, der bisher große Anteil alleinstehender Frauen in den „pflegebedürftigen Jahrgängen“ sinkt.

Es folgt ein starker Anstieg der „lebenden“ Geburtsjahrgänge 1934 bis 1940, da es in dieser Zeit eine hohe Geburtenrate nach der Weltwirtschaftskrise gab und diese Generation kaum durch die Kriegshandlungen des 2. Weltkriegs dezimiert wurde. Dieser Effekt wird sich ab 2010 (75jährige Pflegebedürftige) in einem weiteren Anstieg pflegebedürftiger Menschen bemerkbar machen.

Es folgt ein drastischer Einbruch der Jahrgänge 1941 bis 1948 durch die geringe Geburtenzahl
während der Kriegsjahre und in den Folgejahren der Besatzungszeit. Dies wird in den 20er Jahren zu einem Rückgang des Pflegebedarfs führen, bis mit dem „Hineinwachsen“ der "Babybommer" ab etwa Jahrgang 1955 in die Pflegebedürftigkeit ab etwa 2030 allmählich wieder eine Zunahme erfolgt.

Ab 1955 bis zum Geburtsjahrgang 1964, dem Höhepunkt des Babybooms, gibt es einen
kontinuierlichen Anstieg der Geburtenzahlen von ca. 1,1 Mio. auf 1,35 Mio pro Jahr und somit
auch der Zahl lebender Menschen dieser Jahrgänge. Bis zum Jahrgang 1974 erfolgt dann ein
drastischer Einbruch der Geburtenzahlen auf ca. 800.000 pro Jahr.  Seither sinken sie weiter bei leichten Schwankungen. 2005 waren es erstmals weniger als 700.000 im Jahr und mit ca. 651.000 im Jahr 2009 nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes.wurde der bisherige Tiefpunkt erreicht.

 

Eine detailliertere Grafik zu den Geburtenzahlen in Deutschland von 1946 bis 2007 gibt es  hier.

Die Spitze des Babyboomer-Buckels in der Geburtenstatistik liegt zwischen 1959 und 1968. Die höchste Zahl pflegebedürftiger Menschen wird es also bei unverändert hoher Pflegebedürftigkeit im Alter von 80 bis 95 Jahren um das Jahr 2050 geben. Danach erfolgt innerhalb eines Jahrzehnts ein Rückgang um fast 40%.

Prognose des Pflegebedarfs 2010 bis 2060

2010 bis 2015

Aufgrund des Anstiegs der Bevölkerungszahl in den „pflegebedürftigen Jahrgängen“ wird der
Bedarf an Pflegeplätzen leicht steigen. Allerdings wird ein Teil potentieller Bewohner alternative
Wohnformen/ Wohngemeinschaften nutzen und nur wenn es nicht mehr anders geht ins
Pflegeheim ziehen. Gefördert werden dies und die Inanspruchnahme ambulanter Pflegedienste
aufgrund fehlender finanzieller Mittel von Staat und Pflegeversicherung durch politische
Entscheidungen.

Der steigende Anteil „lebender Paare“ könnte die Nachfrage nach Plätzen im Pflegeheim reduzieren, da bis zu einem gewissen Grad die Betreuung des pflegebedürftigen Partners innerhalb der gemeinsamen Wohnung möglich ist. Die Nachfrage nach seniorengerechten Wohnungen für Ehepaare wird voraussichtlich steigen, ebenso die Nachfrage nach „Betreutem Wohnen“. Bei allen Angeboten  wird der Männeranteil von zur Zeit ca. 20% auf über 30% steigen.

Eine höhere Nachfrage nach Kurzzeitpflege und Ambulanter Pflege ergibt sich aus dem Trend der Krankenversicherung, die Aufenthaltsdauer in Krankenhäusern zu verkürzen, um dadurch Kosten einzusparen.

Die finanziellen Rahmenbedingungen und die Wünsche der Pflegebedürftigen und ihrer
Angehörigen werden zu einer weiteren Spreizung der Kundenwünsche führen („das Beste“ für
mich (Alleinerbe) bzw. meine Eltern - wir können und wollen uns das leisten - bis „das Billigste ist gerade gut genug“).

2015 bis 2020

Die Anzahl pflegebedürftiger Menschen steigt weiter leicht an. Der baldige Zusammenbruch der
bestehenden Finanzierungssysteme wird immer offensichtlicher, hat aber noch nicht voll nauf das tägliche Leben durchgeschlagen.. Die Ansprüche der jetzt pflegebedürftigen Generation steigen, weil sie den hohen Lebensstandard gewohnt ist.

Fast jeder möchte im Einzelzimmer im Pflegeheim leben und hat hohe Ansprüche an seine Betreuung. Die Sozialhilfe übernimmt vielleicht schon jetzt keine Zuschläge für Einzelzimmer mehr, der Eigenanteil für Einzelzimmer wird deshalb deutlich erhöht.

Die Kinder der Pflegebedürftigen müssen länger arbeiten, haben weniger Rente zu erwarten, müssen höhere Anteile für ihre eigene Gesundheitsvorsorge und die Finanzierung des Staates aufbringen. Die Diskrepanz zwischen den Wünschen/Ansprüchen Pflegebedürftiger und der Finanzierbarkeit steigt erheblich.
Seit 2011 gilt die volle Freizügigkeit für die Bürger der neuen EU-Mitglieder. Sie können jetzt
legal in Deutschland wohnen und arbeiten. Der Schwarzmarkt Pflege wird teilweise durch einen
legalen Markt günstiger Osteuropäerinnen ersetzt. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach
Senioren-WGs. Der heutige Standard der Altenpflege im Heim ist nur noch für wenige
finanzierbar. Die heutige Fachkraftquote von 50% wurde reduziert oder ganz abgeschafft. Private Pflegeanbieter profitieren von günstigen Pflegekräften aus Osteuropa. Günstige Pflegeheime in Schwellenländern (Thailand, Phillipinen, ..) werden für einen kleinen Anteil Pflegebedürftiger zur ernsthaften Alternative.
Die Nachfrage nach Pflegeheimplätzen bleibt vielleicht auf dem heutigen Niveau, der Preis spielt eine immer größere Rolle. 2-Bettzimmer werden wieder mehr benötigt, obwohl dies nicht dem Wunsch der Pflegebedürftigen entspricht.

2020 bis 2030
Aufgrund der „Kriegsjahrgänge“ sinkt zunächst im Laufe dieses Jahrzehnts die Anzahl
pflegebedürftiger Menschen insgesamt in Deutschland. Gleichzeitig sinkt trotz Anhebung des Renteneinstiegsalters die Anzahl arbeitender Menschen (=Steuer- und Beitragszahler) und die Gesamtbevölkerung.

Der Anteil nichtberufstätiger Menschen an der Gesamtbevölkerung steigt, es sei denn
- das Rentenalter wurde schon früher als bisher geplant auf 67 oder mehr Jahre angehoben oder flexibel gestaltet
- das durchschnittliche Lebensalter stagniert oder sinkt bereits aufgrund schlechterer
Krankenversorgung und längerer Arbeitszeit.

Zum Ende dieses Jahrzehnts verschlechtert sich die Finanzierung der Pflege deutlich. Es beginnt eine Phase, die sich in den nächsten 20 Jahren fortsetzt: Einzelzimmer im Pflegeheim können sich nur noch wenige leisten, 2- und Mehrbettzimmer werden zur Regelversorgung auf niedrigem Niveau, viele verwahrlosen einsam in ihrer Single-Wohnung.

Luxuspflegeheime der Baujahre um 2005/ 2010 stehen weitgehend leer bzw. sind Bauruinen, sofern sie nicht rechtzeitig dem gesunkenen Niveau angepasst wurden durch Umwandlung von Einzel- in Zweibettzimmer. Der Lebensstandard für die breite Masse der Bevölkerung ist in Deutschland erheblich gesunken. Das Niveau zwischen jetzigen Wohlstandsstaaten und Schwellenländern hat sich angenähert. Die billigen Pflegekräfte aus dem Osten gibt es deshalb nicht mehr. Die Pflege in der Familie – sofern vorhanden - ist wieder Standard, mit professioneller Unterstützung, wenn man es sich noch leisten kann.

Die Bedeutung von Selbsthilfe-WGs wächst für kinderlose Paare und Alleinstehende. Normale Wohnhäuser, die wegen dem Bevölkerungsrückgang billig zu haben sind, werden jetzt von mehreren Senioren gemeinsam bewohnt – ein Bad, eine Küche und für 1 oder 2 Bewohner je ein Wohn-/Schlafzimmer. So können günstig ansonsten leerstehende Häuser genutzt werden. Aus Kostengründen wird es in geringem Maße auch „Altund-Jung-WGs“ geben.

Hauswirtschaftliche Hilfsdienste und ambulante Pflegedienste spielen eine wesentlich größere Rolle als heute.

2030 bis 2050

Bis etwa 2050 steigt die Zahl von Menschen in den „pflegebedürftigen Jahrgängen“ (Babyboomer) gegenüber 2030 erheblich an. Gegenteilig wirkt sich allerdings das sinkende Lebensalter aufgrund der schlechteren medizinischen und pflegerischen Versorgung und den Folgen der längeren Lebensarbeitszeit für diese Generation aus. Pflegeheime heutigen Standards hinsichtlich personeller und baulicher Ausstattung gibt es nicht mehr. Wer Angehörige hat, wird von diesen zu Hause versorgt, soweit es dem Laien möglich ist. Kinderlose teilen sich Wohnungen und Häuser. Angehörige der Mittel- und Oberschicht, die keine Erben haben, können sie sich von ihrer kleinen Rente und dem Ersparten noch am
ehesten Hilfe durch Pflegekräfte leisten. Heime gibt es als „Sammellager“ für „die Masse“ und als elitäre Einrichtungen für die wenigen, die sich noch alles leisten können.

Eine positivere Entwicklung ist denkbar, wenn es gelingt trotz Einbruchs der Binnennachfrage
eine geringe Arbeitslosenquote bei gleichzeitig höherem Renteneintrittsalter zu erhalten und durch eine starke Zuwanderung von Arbeistnehmern die Wirtschaft am laufen zu halten.

2050 bis 2060

Innerhalb dieses Jahrzehnts stirbt der größte Teil der Babyboomer-Generation. Vom geburtenstärksten Jahrgang 1964 leben 2054 nur noch die 90jährigen. Der quantitative Bedarf an Altenpflege bricht innerhalb dieses Jahrzehnts drastisch ein. Das Sterben der Babyboomer-Generation beseitigt das extreme Ungleichgewicht in der Alterstruktur der Bevölkerung. Obwohl es durch den kontinuierlichen Geburtenrückgang von 1975 bis 2010 und wahrscheinlich auch in den Folgejahren weiterhin keine optimale Alterstruktur gibt, sinken die Ausgaben für Rente und
Krankenversorgung in diesem Jahrzehnt erheblich. Damit werden Mittel frei, um im Laufe der
50er Jahre für die erheblich gesunkene Anzahl pflegebedürftiger Menschen wieder eine qualitativ höherwertige Versorgung anzubieten, die Geburtsjahrgänge ab 1970 können dem "Leben im Alter" wieder optimistischer entgegensehen als die Generation ihrer Eltern.

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